Marketing Community Bodensee

Sonne – Wind – Wärme

21.09.16
Startzeit: 18:00
Endzeit: 21:00

Ort / AnfahrtskarteSingen

Solarcomplex steht für die regionale Energiewende: 100 Prozent erneuerbare  Energieversorgung in der Bodenseeregion sind möglich  

Singen – Der Marketing-Club Bodensee besuchte das regenerative Stadtwerk Solarcomplex, das sich als Bürgerunternehmen für erneuerbare Energien in Baden-Württemberg versteht. Bene Müller und Florian Armbruster, zwei der drei Vorsitzenden, begrüßten die Marketer und führten sie durch das Solarcomplex-Bürohaus in der Ekkehardstraße 10 in Singen. Das 1964 erbaute Gebäude wurde 2014/15 von Solarcomplex mustergültig energetisch saniert. Entstanden ist ein  beispielhaftes Passivhaus, das zeigt, dass die Energiewende gelingen kann, wenn der Energieverbrauch gesenkt wird, und gleichzeitig Energie umweltfreundlich erzeugt wird. 

Solarcomplex wurde  am 29. September 2000 als GmbH gegründet: Von 20 Gesellschaftern, mit einem Eigenkapital von 37.500 Euro und dem ehrgeizigen Ziel, die regionale Energiewende im Süden Baden-Württembergs umzusetzen. Dabei war damals von einer Energiewende noch gar nicht die Rede. Doch Bene Müller, Achim Achatz und 18 Mitstreiter hatten die Vision, wenigstens die westliche Bodenseeregion von Kernenergie und Kohlestrom unabhängig zu machen.

„Ich bin erstaunt, wie gelassen die Gesellschaft mit dieser offensichtlichen Bedrohung umgeht!“

Die Motivation sei einerseits die Anti-Atomkraft Bewegung gewesen, andererseits die Erkenntnis, dass Klimaschutz immer mehr zum überlebenswichtigen Thema wird, erzählte Bene Müller seinen Gästen. Allein das Eisvolumen Grönlands würde, wenn es durch die Klimaerwärmung komplett abschmilzt, den Meeresspiegel um sieben Meter erhöhen. „Wir leben in einer Industrie-Zivilisation und sind uns gar nicht bewusst, wie anfällig sie ist“, sagte er. Wenn wir nichts unternehmen, werde die Temperatur im globalen Mittel um sechs bis 8 Grad steigen. „Ich beobachte das seit 20 Jahren, und bin erstaunt, wie gelassen die Gesellschaft mit dieser offensichtlichen Bedrohung umgeht“, so Bene Müller. Gletscher in unserer unmittelbaren Umgebung, wie beispielsweise der Brandner Gletscher direkt an der bekannten Mannheimer Hütte, oder der Ochsentalgletscher auf dem Weg zum Piz Buin, ebenfalls in Vorarlberg, seien Indikatoren. Beide haben innerhalb der vergangenen Jahre  stark an Fläche verloren.

Solarcomplex erwirtschaftet jedes Jahr Gewinne

Zu Beginn wurde Solarcomplex belächelt: „Was soll das denn sein? Bioenergiedörfer? Bürgerenergie?“ fragten die Leute. Heute sei klar, dass Solarkomplex ein interessantes und zukunftsorientiertes Konzept biete, in einer sich wandelnden Energiewelt. Solarcomplex plant, baut, betreibt und wartet Anlagen zur regenerativen Stromerzeugung. 2001 installierten sie ihre erste Anlage auf dem Dach des Friedrich-Wöhler-Gymnasiums in Singen. Bereits im dritten Jahr erwirtschaftete die GmbH erstmals Gewinn und glich die Anlaufverluste der ersten beiden Geschäftsjahre aus. Die Gesellschafterversammlung beschloss die Ausgabe einer ersten Tranche Genussrechte mit 500.000 Euro. Seitdem erwirtschaftet Solarcomplex jedes Jahr Gewinne. Seit 2004 gibt es jedes Jahr Ausschüttungen für die Aktionäre.

Solarcomplex ist im Bereich Wärmenetze führend in ganz Deutschland

Heute ist Solarcomplex eine Aktiengesellschaft mit einem eingetragenen Grundkapital von 18 Millionen Euro, die von über 1200 Aktionären gehalten werden, und ein wichtiger regionaler Energieversorger. Solarcomplex plant, baut und betreibt Anlagen zur Strom- und Wärmebereitstellung aus erneuerbaren Energien und bietet die Kapitalbeteiligung als ökologische Geldanlage an. In den vergangenen 16 Jahren hat Solarcomplex Investitionsvolumen über 100 Millionen Euro in allen Bereichen der regenerativen Energien und in Richtung Energiewende bewegt. Solarcomplex betreibt unter anderem eigene Solarthermische- und Photovoltaikanlagen, Wind- und Wasserkraftwerke, zwei Biogasanlagen und in über einem Dutzend Gemeinden Wärmenetze und ist damit im Bereich Wärmenetze führend in ganz Deutschland. Nicht nur Aktionäre, Grundkapital und Projekte werden mehr, auch das Team wird größer: bei Solarcomplex arbeiten, Stand Mitte 2016, rund 40 hochmotivierte und qualifizierte Mitarbeiter, Tendenz steigend. Denn wie bei einem klassischen Stadtwerk verfügt auch Solarcomplex als regeneratives Stadtwerk über eine kaufmännische und eine technische Abteilung.

Energie – Technik – Kapital: Die Energiewende ist eine kapitale Aufgabe

Die Energie sei seit Urzeiten da. Die Technik zu deren klimafreundlichen Nutzbarmachung haben wir seit einiger Zeit. Das Kapital schließlich bringe Energie und Technik zusammen. Die Energiewende sei demnach eine kapitale Aufgabe. Dieser Satz dürfe sehr gern doppeldeutig verstanden werden. Und um Kapital bereit zu stellen, brauche es Menschen – also Bürger. Der Anteil regenerativer Energien an der Stromversorgung habe sich in 17 Jahren versechsfacht – von 1998 mit fünf Prozent, auf über 30 Prozent Ende 2015. Bis 2025 werden mindestens 45 Prozent des deutschen Strombedarfs aus heimischen regenerativen Energien bereitgestellt. Diese Erfolgsgeschichte sei bisher überwiegend bürgerfinanziert. Die Energiewende könne aber nicht im Ehrenamt gestemmt werden. Sie kann nicht mit Spenden finanziert werden, mit Zopfbrotverkauf am Samstag. Die große Energiewirtschaft habe diese Entwicklungsdynamik unterschätzt und schlicht verpennt. Die Politik steuere aktuell gegen und bremse, weil die Großen nicht mitkommen.

Solarcomplex geht die Zukunftsaufgaben konkret, gemeinschaftlich und regional an

Die Überzeugung der Gründungsgesellschafter und von Solarcomplex heute: „Eine regionale Energiewende bis 2030 wäre sowohl technisch als auch finanziell machbar. Ob sie auch mental machbar ist, wird sich zeigen. Die entscheidenden Hürden sind in unseren Köpfen.“  Bene Müller fügt hinzu:  „Ich glaube nach wie vor, dass die Energiewende in den nächsten zehn Jahren machbar wäre, wenn es eine kollektive Machtanstrengung geben würde. Aber davon sind wir weit entfernt.“ Dennoch – oder gerade deshalb –  konzentriere sich Solarcomplex auf die regionale Energiewende. Solarcomplex gehe die Zukunftsaufgaben konkret an – und zwar gemeinschaftlich und ausschließlich in der Region. Die Projekte und Anlagen schaffen Beschäftigung und Wertschöpfung vor Ort, schließen Kreisläufe, reduzieren Abfluss und Energiekosten. Die Gesellschafter (Aktionäre) können handfest miterleben was sie tun. Dadurch entstehe eine Identität der Nähe.

Es gibt viele gute Argumente für Solarcomplex

Und nicht nur für das Marketing von Solarcomplex ist es von Bedeutung, dass die Energiewende schließlich nicht nur kostet. Die Ausgaben der einen sind die Einnahmen der anderen. Energiewende schaffe Arbeitsplätze, stärke das regionale Handwerk und den Mittelstand. Strom vom Dach sei viel günstiger als aus dem Netz. Die Einspeisung sei nicht mehr der Reiz, sondern die Eigennutzung. „Ich erzeuge selber günstig Strom“, sei ein Argument. Aus ökologischen Gründen mache der Mensch wenig – ökonomische Argumente ziehen besser. Deshalb sei es gut, dass Solarcomplex sowohl auf der ökologischen als auch der wirtschaftlichen Ebene argumentieren kann. Mit Aussagen wie „Solarstrom rechnet sich für Ihr Unternehmen. Bringt gute Rendite und stärkt den Umweltschutz.“ Oder: „Sonnige drei Prozent für Ihre ökologische Geldanlage.“ Regionalität habe hier Vorteile – Solarcomplex agiert wo man das Unternehmen kennt. Die Aktionäre sind Teil eines großen Ganzen. Die Bürger können kreativ werden und eigene Ideen verwirklichen. Und alle gemeinsam können mit Energie in die Zukunft starten. Die Energiewende aktiv mitgestalten.

www.solarcomplex.de

Text und Fotos: Susi Donner; Quelle: Vortrag vor Ort.